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Geklaut – verfolgt – entlaufen – verhaftetverheiratet – vererbt + halb freiund schließlich en gros freigelassen60 Jahre Sklavenleben in Brasilienin höchst seltenen Original-DokumentenBrasilien – Sklaverei – Dokumente zur Sklaverei in Brasilien, Sieben. 19. Dez. 1823 – 2. Sept. 1884. Handschrift auf Papier (2) bzw. liniertem Papier (3) sowie handschriftlich ergänzter Formulardruck (2). 8° – Kl.-2°, davon 3 auf Doppelbogen. Kulturhistorisch bedeutsamer Block aus der Spätzeit eines der dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte, das zu schließen „zuerst durch die Quäker angeregt“ wurde (Meyer) und ausgehend vom englischen Parlament seit 1788 zunehmende Ächtung erfuhr, um gleichwohl weitere hundert Jahre Geschichte zu schreiben und im nordamerikanischen Sezessionskrieg 1865 einen verlustreichst gegründeten dortigen Abschluß zu finden, zu dem anstehendenfalls Brasilien fast noch einer ganzen weiteren Generation bedurfte. Und selbst der Heilige Stuhl hatte erst 16 Jahre nach hiesigem 1823er Erstdokument 1839 gegen die Sklaverei Stellung bezogen. In ihrer hier gegebenen zeitlichen Abfolge sind anstehende, thematisch weit gefächerte brasilianischen Dokumente solchermaßen denn beispielhafte Zeugnisse einer auch dortigen allmählichen Abkehr von der Sklaverei , bewirkt nicht zuletzt auch dank sozialer und demographischer Veränderungen. So waren nach einer Volkszählung bereits 1872 rund drei Viertel aller Afrikaner und Brasilianer afrikanischer Abstammung Freie: die weitverbreitete portugiesische Praxis, Sklaven – vielfach durch Selbstkauf wie auch nachfolgend dokumentiert – freizulassen, um auf diesem Wege Arbeitskräfte für etwas verantwortungsvollere Beschäftigungen wie Aufseher, Gauchos oder Maultierführer zu erhalten, hatte ebenso wie der Umstand, daß Kinder freier Mütter gleichfalls frei waren, die Sklaverei längst von innen ausgehöhlt. Zudem war in der Endzeit die Beschäftigung weißer Arbeiter vielfach billiger geworden als Erwerb und Haltung schwarzer Sklaven. Ihren ganz entscheidend zusätzlichen Wert gewinnen die anstehenden brasilianischen Unikate indes dadurch, daß zwei Jahre nach der 1888 erfolgten nunmehr endgültigen offiziellen Abschaffung der Sklaverei in Brasilien durch Kaiser Pedro II – vorausgegangen waren Verträge mit England aus bereits 1826 + 1830 und das 1871er Sklavenemanzipationsgesetz – die nunmehr republikanische Regierung anordnete,
(Daniel Ruiz-Rosario, Grupo Capoeira Brasil San Antonio Texas). Soweit der historische Rahmen der hiesigen, nachfolgend im Detail beschriebenen und zitierten Dokumente.
Vila de Rezende , 19. Dezember 1823
„Vor zwei Tagen … 20 Sklaven gestohlen … Cabo do Martinho … und zwei weißen Begleitern, Joze Ramos und der andere Antonio Joze de Vin … Befehl, die Sklaven und Diebe aufzugreifen …“. Abschrift („Copia da Portaria“) des Richters von Vila de Rezende. 4°. 1 Seite. Doppelbogen mit Wasserzeichen J Green / 1822 sowie Trockenstempel mit Krone oben links. – Verschiedene, nahezu vollständig geglättete Faltspuren sowie kleine Wurmlöcher namentlich links im weißen Rand sowie rechts, doch ohne Beeinträchtigung der Schrift.
Bezirk Serra , 7. März 1832
Mitteilung des Friedensrichters Ignacio de Loyolla Pereira an den „Prizidente e Maiz Veradores da Camara Municipal“ über die Ernennung eines „Buschkapitäns“ (capitão do mato). Kl.-2°. 1 Seite. – Auf Linienpapier mit Wasserzeichen „PF“. – Namentlich die Papierränder an drei Ecken schwach braunfleckig. Am rechten Seitenrand 5 mm kleiner Tintenausbruch. – Oben rechts von jeweils anderer Hand numeriert „57“ sowie mit rotem Farbstift größer „32“.
São Paulo , 20. März 1855
Gedrucktes und handschriftlich ergänztes und von Antonio Roberto de Almuiz (?) gezeichnetes Rundschreiben des Polizeisekretariats von São Paulo wegen Ergreifung und Überstellung an das Gefängnis der Hauptstadt des dem Francisco de Almeida Prado aus Itú gehörenden Sklaven André „von 20 bis 30 Jahren, aus dem Kongo gebürtig, seine Farbe ist von gutem Schwarz, so auch das Haar, gute Zähne, von mittlerer Gestalt, gut gebaut, große Füße, kleiner und ein wenig zusammengezogener Mund …“. Zugleich den Tod eines anderen, Vicente de Almeida Prado gehörenden Sklaven und Verbrechers in Vila da Limeira anzeigend. 1 Seite auf Doppelbogen. – Zwei weitgehend geglättete waagerechte Faltungen. Im linken weißen Rand sowie im weißen Zwischenfeld Wurmlöchlein. Der rechte feuchtigkeitsspurige Außenrand ebenso hinterlegt wie der von dort bis an den Text heranreichende Papierverlust entlang der oberen Querfalte, dessen weiterer Verlauf eine Druckzeile mit einzelnen kleineren Ausbrüchen nur geringfügig beeinträchtigend.
Queluz , 24. April 1865
Bescheinigung durch den Vicar Antonio Paulino (?) Benjamin, daß „Im Mai des Jahres tausendachtundertundfünfundsechzig und in dieser Matrikel von Queluz zur zweiten Nachmittagsstunde … entsprechend den Bestimmungen … in Gegenwart der unterzeichneten Zeugen ihre Einwilligung durch Wort geben, im Angesicht der Kirche … Ehemann und Frau Joaquim Jozé Pinto aus Naçãe, Sklave (des) João Pinto Moreira, mit Margarida da Maria de Jezus, Tochter von Francisco Caetano de Jezus und Delfina Maria de Jezus … Und erhalten zugleich die Hochzeitsgaben“. Kl.-2°. 1 Seite. – Auf liniertem Schreibpapier mit Wasserzeichen „Al Masso“. – Geglättete Längs- und (3) Querfalten nebst drei Hinterlegungen. – Namentlich rückseits einzelne, schriftseits schwächere Braunflecken. Unten rechts im weißen Rand Feuchtigkeitspur nebst etlichen kleinen Braunstippen und zwei Ausrissen.
Barreiro , 3. Januar 1878
Freiheitsbrief von Graciano Francisco Teixeira für die Hälfte der von einem Verwandten ererbten Mulattensklavin Maria, „deren Teil und Hälfte die Summe von vierhunderttausend Réis ist“, die er zugleich in diesem Zusammenhang von seinem Schwager Jose Roiz Pinto erhalten hat. Kl.-2°. 1 Seite auf liniertem Doppelbogen. – Mit kaiserl. Steuermarke über 200 Réis. – Geglättete Quer- und (2) Längsfalten, die namentlich rückseits etwas gebräunt sind. – Vereinzelte Wurmlöcher.
Casa de Detenção da Corte , 8. Juni 1878
Rechnung des kgl. Gefängnisses über 6000 réis nebst rückseitiger Quittung über einen ersten Teilbetrag an den Besitzer des für zehn Tage inhaftiert gewesenen Sklaven João. Handschriftlich ausgefüllter und unterzeichneter Formulardruck. 1 Seite. – Verschiedene geglättete Längsfalten. – Links unter Teilverlust der vertikal wiederholten, ornamental eingefaßten Bezeichnung „Casa de Detenção da Corte“ geschnitten. Dort auch etliche winzige (Heft-?)Löchlein sowie zwei etwas größere hinterlegte. – Namentlich rückseits etwas stock- bzw. altersfleckig.
Fazenda da Onça em São José do Barreiro , 2. September 1884
Freilassungsbrief, mit dem Françisco Ferreira Leite als neben „anderem Hab und Gut Herr und Besitzer der 72 unten mit Namen angegebenen Sklaven beiderlei Geschlechts“ diese freiläßt, „mit der Bedingung jedoch zu bleiben, die ihren Wert ausmachende Dankesschuld in Diensten oder Geld … an meine Gläubiger, soviel die Hypotheken wie an sonstigen Krediten (?) … zufriedengestellt sind“ und, so danach noch Dienste verbleiben, „sich in diesem Fall verpflichten, ihre Werte in Diensten oder Geld an mich oder an meine Familie zu bezahlen … Daher bekommen, nach Zufriedenstellung ihrer Werte an meine Gläubiger, genannte Sklaven die volle Freiheit …“. Kl.-2°. 2 SS. – Liniertes Papier.
In dieser thematischen Variationsbreite schon für sich von großem Reiz und speziell eben für die Geschichte Brasiliens als global auch kultur- und sozialgeschichtlich generell important, gewinnen anstehende Papiere noch an ganz erheblich zusätzlichem Wert, als – es sei wiederholt – auf Grund der nach Abschaffung der Sklaverei von der Regierung 1890 angeordneten Vernichtung sämtlicher entsprechender Unterlagen „ heute nur wenige Dokumente über die Sklaverei in Brasilien existieren “ (Daniel Ruiz-Rosario). Die Chance einer diesbezüglich großartigen Sammlungsbereicherung mittels eines gleich ganzen Dokumentationsblockes liegt somit belegtermaßen auf der Hand. |