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Lebensgeschichte des großbritannischen Admirals John Byng

Der  Europa  erregende  Justizmord  an

Admiral  John  Byng

als  erster  britischer  Admiral  am  14.  März  1757  exekutiert ,
von  Voltaires  „Candide“ (1759)  angewidert  als  Augenzeuge  erlebt

als  Polit- + Marineskandal  der  Spitzenklasse

Byng, Zuverläßige Lebens=Geschichte des grosbritannischen Admirals von der weissen Flagge, Johan, welcher am 14. März 1757. nach Urtel und Recht am Boord des Kriegs Schiffes der Monarch erschossen worden, nebst einem kurzen Vorbericht von der jetzigen Verfassung der grosbritannischen See Macht. Frankfurt und Leipzig, o. Dr., 1757. 10 Bll. Vorbericht und Inhalt, 156 SS. Dklbrauner. Ldr.-Bd. d. Zt. a. 5 Bünden m. Rückensch.

British Library 10816.aa.17. – Weder  bei Holzmann-Bohatta, in Oettinger 224 noch im Cat. Nat. Maritime Museum und auch nicht in der Library of Congress (dort nur 17 andere). – Weller nennt für 1757 lediglich die Verteidigungsschrift Byngs als aus dem Englischen übersetzt, ohne indes deren fingierten Druckort London auflösen zu können. – Hier in keinem weiteren Exemplar nachweisbar und solchermaßen zeitgenössisch erschienene,

praktisch  unikate

brandfrische  deutsche  Publikation  noch  selbigen  Jahres ,

ihrer  hochpolitischen  Brisanz  halber

anonym  +  ohne  Drucker  erschienen

bei  zudem  wohl  noch  fingiertem  Druckort .

Vgl. William Laird Clowes, The Royal Navy: a History from the Earliest Times to the Present (1897-1903), Mahan, Influence of Sea Power upon History, und Encyclopedia Britannica. Siehe auch Hudson’s Portraits (BHC2590 + BHC2591) und die Wiedergabe der Erschießung (BHC0380) in Greenwich. – Namentlich SS. 79-107 mit von oben kommendem, sich zur Bindung verjüngendem Wasserrand. Vorsätze mit teils verwischten Schriftspuren, auf dem Titel verwischter Tintenfleck. Deckel unwesentlich verworfen. Gesamthaft nur wenig zeitspurig.

Dem mit einem Überblick über Byngs bis in die Zeit Heinrichs VII. zurückreichenden Stammbaum, seine Eltern sowie seine Geschwister beginnenden Bericht vorangestellt eine Einführung in den Aufbau der britischen Flotte und ihrer drei Geschwader – von der roten über die weiße zur blauen Flagge – einschließlich der Marineverwaltung und dem Werftwesen sowie Klassifizierung, Bewaffnung und Besatzung der Schiffe, Besoldung der Offiziere sowie deren Rangordnung und Salutpflichten entsprechend der Geschwadereinteilung. Ferner der beiden hauptsächlichen Schlachtordnungen, des Kaperwesens sowie des Marinehospitals zu Greenwich gedenkend. Nachgestellt die Wiedergabe seiner Verteidigungsschrift nebst verschiedenen Briefen.

John Byng , vierter Sohn des Admirals George Byng, Lord Vicomte of Torrington, erster Kommissar der Admiralität, und im gleichen Jahr – 1704 – geboren, als dieser während des Spanischen Erbfolgekrieges auf Befehl Admiral George Rookes mittels eines halbtägigen Bombardements die Geschütze von Gibraltar ausschaltete und damit ebenso erfolgreich wie entscheidend zur Eroberung des Felsens beitrug, kam mit 14 Jahren zur Marine und erhielt 1733/34 das Kommando über ein Schiff von 50 Kanonen.

1742 zum Gouverneur von Newfoundland ernannt, erhielt Byng 1745 seinen ersten Auftrag als selbständig operierender Verbandsführer von fünf Schiffen, um den im hannoverschen  Stade  festgesetzten französischen Marschall Herzog von Belle Isle nebst dessen Bruder nach England zu überführen. Bis  „Cuxhaven  vor  Hamburg“  segelnd, ließ er die Gefangenen auf dem Landweg über  Neuhaus/Oste  und  Otterndorf  nach Cuxhaven bringen, um dann nach Harwich zurückzukehren.

Für dieses erfolgreiche Unternehmen zum Konteradmiral der blauen Flagge als dem geringsten der drei nach den Farben der britischen Flagge benannten Geschwader befördert, folgten verschiedenen Unternehmungen im Kanal, der Nordsee sowie im Mittelmeer weitere Beförderungen, die in der Ernennung zum Vizeadmiral nun der roten Flagge – dem vornehmsten Geschwader – während der 1748er Friedensverhandlungen gipfelten. Nach Rückkehr nach England zog er sich aus dem aktiven Dienst zurück.

Bemerkenswert für die späteren Ereignisse lediglich seine Teilnahme als Vizepräsident im Kriegsgericht gegen die Admirale Lestock und Mathews wegen des Vorwurfs, bei einem 1744er Treffen vor Toulon in nachlässiger Weise die Linie zu sehr auseinanderlaufen gelassen zu haben. Ersterer wurde freigesprochen, letzterer mangels eindeutiger Klärung entlassen.

Mit zunehmenden erneuten Spannungen zwischen England und Frankreich um die amerikanischen Kolonien wurde

Admiral  Byng  1755  reaktiviert

und im September mit „unangemessenen Kräften“ (Britannica) ins Mittelmeer entsandt, wo England zunehmend um seine während des Spanischen Erbfolgekrieges erworbene Vormachtstellung und namentlich die Besitzungen Minorca und Gibraltar bangte:

„ But this fleet, which should have been a large and powerful one, was by no means of formidable proportions. It consisted only of ten sail of the line; and even those few ships were not fitted out without the greatest difficulty and friction. At that late date the Ministry seems to have been still blind to the importance of Minorca. There were at the moment twenty-seven ships of the line cruising in the Channel and Bay of Biscay, twenty-eight ships of the line in commission at home, and many small craft, which might have been detailed for the service. But Byng was not permitted to utilize any of these, or to draw crews from them; and his mission was evidently regarded as a wholly subsidiary one. He was directed to take on board the absent officers of the Minorca garrison and a reinforcement of troops, consisting of the Royal Regiment of Fusiliers, under the command of Colonel Lord Robert Bertie. To make room for these men, all the Marines belonging to the squadron were sent on shore, with the result that, had Byng been successful in throwing troops into Port Mahon, he would, owing to the absence of Marines from his ships, have been in a condition unfit for subsequently fighting an action at sea “

(Clowes im Zitat nach Peter Davis’ Internetseite „Trial and Execution of Admiral John Byng, 1757“).

Indessen stand die gesamte Operation schon von Beginn an unter keinem guten Stern:

Bereits die Ausreise von Spithead verzögerte sich bis April 1756, dann trieben widrige Winde die 10 Schiffe seiner Flotte erst nach St. Helen, dann nach Plymouth, so daß Byng erst „am 2ten May nach einer langen und beschwerlichen Fahrt glücklich zu Gibraltar an(kam), woselbst der Chef d’Escadre Edgcumbe mit 3. Kriegs Schiffen und ein paar Fregatten zu ihm stieß“ und ihm von der bereits erfolgten Landung der Franzosen und der Belagerung Port Mahon’s, zu dessen Unterstützung er seine eigenen Seesoldaten gelandet hatte, berichtete.

„ When Byng informed the Lords of the Admiralty of this he also criticized the wretched condition of the ships under his command, the neglected state of the magazines and storehouses at Gibraltar, and the general lack of facilities to refit the fleet for serious action “

(National Maritime Museum, The Execution of Admiral Byng, 2007).

So verweigerte der Gouverneur von Gibraltar unter Hinweis auf die Schwäche seiner eigenen Garnison und unklare Befehle denn auch die Bereitstellung weiterer Truppen, die Byng entsprechend seinen Befehlen übernehmen und zum Entsatz der belagerten Festung auf Minorca bringen sollte, wofür er noch vor Byng seiner Dienste enthoben wurde. Aber auch all dies hatte keinen positiven Einfluß im späteren Verfahren gegen letzteren.

Am 18. Mai gelangte Byng mit seinen nunmehr 13 Linienschiffen vor Port Mahon an und konnte auch Kontakt mit den Belagerten aufnehmen, mußte diesen dann jedoch vor einem Landungsversuch abbrechen, da die französische Flotte – 12 Linienschiffe und 5 Fregatten – in Sicht kam. In dem Bestreben, die bessere Ausgangsposition zu halten bzw. – französischerseits – zu bekommen, lavierten beide Verbände bei schwachem Wind bis zum Nachmittag des 20. Mai, als die beiden Linien endlich gegeneinander standen – wenngleich nicht parallel, sondern in einem Winkel von etwa 30° – und das zunächst aus Sicht des französischen Admirals Graf de La Galissionnière berichtete Treffen seinen Anfang nahm:

„ Um halb drey Uhr Nachmittags befanden sich beide Flotten in einer Linie gegen einander und das Treffen nahm seinen Anfang … Das Treffen dauerte vierthalb oder bei vier Stunden, allein es ist während dieser ganzen Zeit nicht allgemein gewesen, indem die englischen Schiffe, welche durch unser Geschütz am meisten zugerichtet waren, sich unter Wind und so legten, daß sie mit dem Geschütz nicht mehr erreicht werden konten. Diesen Vortheil behielten sie beständig, um sich nicht ins Gefecht einzulassen, und nachdem sie ihre größte Stärke auf diejenigen Schiffe so unsern Nachzug ausmachten, gewendet, welche sie doch so wohl geschlossen fanden, und von den sie ein so grosses Feuer ausstehen mußten, daß sie ihnen nichts anhaben konten: so ergriffen sie die Partie sich zu entfernen … Überhaupt aber hat keins von ihren Schiffen das Feuer der Unsrigen lange ausgehalten. “

Ausführlicher, darunter über die Ergreifung einer von zwei Tartanen mit gut 100 französischen Soldaten, die wie 500 weitere am Vortag zur Verstärkung de La Galissionères eingeschifft worden waren, sowie die Vorbereitung der – so Clowes – dienstunfähigen Fregatte Phoenix als Brander, berichtet Byng über den Hergang:

„ Dem Intrepide ward gleich zu Anfange sein Vortop Mast weggeschossen; und da solches also an seinem Vorder Segel hing, und dasselbe zernichtete, so konte er das Schiff nicht mehr regieren … Er trieb daher auf das ihm am nächsten liegende Schiff, und nöthigte dasselbe, und die Schiffe, die mir am Vordertheil lagen, zurück zu weichen. Dieses nöthigte mich, einige Minuten ein gleiches zu thun, um zu verhindern, daß nicht alle mir am Bord fallen möchten. Dennoch wichen wir nicht eher, bis wir unsern Feind aus der Linie getrieben hatten, da er denn vor dem Winde wegseegelte … Dieses verursachte nicht nur, daß das Centrum des Feindes unangefallen, sondern daß vielmehr die Division des Contre Admirals eine Zeitlang unbedeckt blieb … Ich bemerkte, daß sich die Feinde beständig zurück gezogen; und da sie 3. Fuß gegen unsern einen giengen, so wolten sie uns niemals wieder mit ihnen so nahe zusammen kommen lassen, sondern bloß den Vortheil wahrnehmen, unser Tauwerk zu verderben und zu zernichten … Um diese Zeit war es 6. Uhr, und die feindliche Avant Garde und die unserige waren zu weit von einander entfernet, als daß es hätte wieder zum Treffen kommen können. “

Die Verluste waren mit 43 Toten und 168 Verwundeten englischerseits und 38 bzw. 175 französischerseits in etwa gleich, jedoch verlor Byng gleich zwei seiner Kapitäne, während bei den Franzosen keine höheren Offiziere auf der Verlustliste standen. Gleichfalls trugen die englischen Schiffe in diesem von Mahan – im Zitat von Clowes – als schwierig beschriebenen Treffen erheblich höhere Schäden an der Takelage davon:

„ The two fleets … both on the port tack, with an easterly wind, heading southerly, the French to leeward … Byng ran down in line ahead off the wind, the French remaining by it, so that when the former made the signal to engage, the fleets were not parallel, but formed an angle of from 30 to 40. The attack which Byng by his own account meant to make, each ship against its opposite in the enemy’s line,

difficult  to  carry  out  under  any  circumstances ,

was here further impeded by the distance between the two rears being much greater than that between the vans; so that his whole line could not come into action at the same moment. When the signal was made, the van ships kept away in obedience to it, and ran down for the French so nearly head on as to sacrifice their artillery fire in great measure. They received three raking broadsides and were seriously dismantled aloft. The sixth English ship (Intrepid) counting from the van, had her foretopmast shot away, flew up, into the wind, and came aback, stopping and doubling up the rear of the line. “

Am Tage nach dem Treffen hielt Byng Kriegsrat, zu dem er auch die Führer der eingeschifften Landsoldaten hinzuzog und „bey welchem (so Byng in seinem eigenen Bericht) nicht der mindeste Streit oder Zweifel entstanden ist“. Übereinstimmend wurde festgestellt, daß Port Mahon weder durch einen erneuten Angriff auf die französische Flotte noch von dem englischen Verband überhaupt entsetzt werden könne, andererseits aber jeder Verlust, insbesondere durch einen Angriff in derzeitigem Zustand, Gibraltar in Gefahr brächte und die Flotte sich daher dorthin zurückziehen solle.

Bemerkenswert ist, daß dieser Teil wie auch Byngs Beobachtungen vor Port Mahon sowie die Nachricht über vier weitere französische Linienschiffe, die seeklar in Toulon bereitlagen als auch die Überlegungen zu den Möglichkeiten des Feindes, sich mit Truppen von Menorca sowohl zu verstärken als auch die Verwundeten abzugeben,

nicht  veröffentlicht  wurde

und solchermaßen auch in hiesiger Übersetzung fehlt. Siehe hierzu den unter Hervorhebung der Auslassungen bei Clowes zitierten vollständigen Bericht Byngs (ein Ausdruck wird beigelegt). Im übrigen aber wurde Byng

zwei  Wochen  nach  der  Schlacht

und  somit  noch  vor  seiner  Rückkehr  nach  Gibraltar

zum  Admiral  der  blauen  Flagge  ernannt

(hiesiger Bericht spricht sowohl im Titel als auch im Text von der weißen Flagge, Clowes und Meyers Konservationslexikon, 4. Ausg., hingegen übereinstimmend von der blauen, ebenso die Grabinschrift).

Bei seiner Ankunft in Gibraltar am 19. Juni fand Byng eine Verstärkung von fünf Schiffen vor und er begann sofort mit den Vorbereitungen für ein erneutes Auslaufen und einen Landungsversuch. Besonders verzögernd wirkte sich die Frischwasserübernahme aus, da Gibraltars Quellen nur wenig Wasser gaben. Bereits am 29. desselben kapitulierte Minorca allerdings.

Indessen traf am 3. Juli die Antelope mit den Admirälen Hawke und Saunders ein als Ablösung für Byng und Konteradmiral West. Zugleich wurde der Gouverneur von Gibraltar ausgetauscht. Mit den Abgelösten sowie zahlreichen weiteren Offizieren an Bord, die als Zeugen vernommen werden sollten, kehrte die Antelope nach Spithead zurück, wo sie am 25. Juli eintraf und

Byng  unmittelbar  nach  dem  Einlaufen  verhaftet  wurde .

Zuvor waren bereits Mutmaßungen gestreut worden,

„ daß des Admirals Byng Freunde, welche aus dem algemeinen Geschrei und Misvergnügen des Volks auf eine bevorstehende Untersuchung seiner Auffürung den Schlus gemacht, denselben gewarnet, durchaus nicht wieder in das Vaterland zurück zu kehren, allein entweder ist ihm diese Warnung nicht zur Hand gekommen, oder er hat, auf die Gerechtigkeit seiner Sache sich verlassend,

den  Richter  nicht  scheuen ,

sondern  ihm  getrost  unter  die  Augen  gehen  wollen “

Dieses in zahlreichen Demonstrationen gipfelnde öffentliche Mißvergnügen – „so gros, daß man in der Geschichte davon wenig ähnliche Beispiele findet“ – wurde, so muß unterstellt werden, unter Ausnützung der allgemeinen Erregung über die schlechten Nachrichten von den verschiedenen Kriegsschauplätzen von der Regierung inszeniert bzw. gefördert, um von den zahllosen Nachlässigkeiten sowohl in Hinsicht auf rechtzeitige als auch entschlossene Maßnahmen abzulenken:

„ By initiating legal proceedings against Byng, the administration of Prime Minister Thomas Pelham-Holles, 1st Duke of Newcastle, hoped to divert public attention from its own failings; nevertheless, Newcastle resigned in November 1756 … (Byng’s) failure (to relieve Minorca) aroused a storm of indignation in England, motivating Newcastle to promise that

‚he  shall  be  tried  immediately;  he  shall  be  hanged  directly‘ “

(Britannica).

Auf dem ersten Blatte der Hogarth’schen Wahl-Suite von 1754 führt Newcastle’s Regierungspartei die ausgestopfte Figur eines Juden mit der Inschrift „no Jews“ mit sich und „Nichols erkannte in dieser Figur Ähnlichkeit mit dem Herzog von Newcastle, der wie ein Jude Handel mit Parlamentssitzen trieb“ (Lichtenberg).

Nach monatelangen Vorbereitungen begann der Prozeß gegen Byng mit 37 Anklagepunkten, die zusammengefaßt ihm vorwarfen, nicht sein Möglichstes getan zu haben, um Port Mahon zu befreien, schließlich am 27. Dezember, also erst nach dem Rücktritt Newcastles, und dauerte bis zum 27. Januar 1757:

„ Der Admiral Byng selbst war bei dieser angestelten Untersuchung beständig gelassen, am 18ten Jänner fing man an, ihn mit seiner Verantwortung zu hören, er vertheidigte sich mit einer gesetzten Art, er antwortete auf alle von dem Kriegs Rath vorgelegte Fragen mit einer Gegenwart des Geistes und einer unerschrockenen Gelassenheit, und fand unter seinen Feinden selbst Bewunderer. “

Alles in allem schien das Verfahren einen günstigen Verlauf zu nehmen. So

„ … meldeten alle damaligen englischen Nachrichten,

das  der  Admiral  mit  Ehren  aus  der  Sache

und von den Richtern losgesprochen werden dürfte … als auf einmal der Schauplatz sich änderte, und ein klägliches Trauerspiel, nemlich

die  bevorstehende  Hinrichtung

des  ersten  Admirals  von  Grosbritannien ,

darstellete. “

Denn dem äußeren Anschein zuwider stimmten nach Abschluß der Verhöre am 22. Januar fünf Richter für die nach § 12 des Kriegsrechtes bei Feigheit vor dem Feind und Vernachlässigung der Pflichten zwingend vorgeschriebene Todesstrafe, vier waren für eine Entlassung wegen Unfähigkeit, die restlichen vier Richter plädierten auf Freispruch. Diese Pattsituation hielt bis zum 27. an, als die vier für eine Absetzung stimmenden Richter auf die Seite der fünf wechselten.

Auslöser dieses Sinneswandels war ein durch Voltaire mit einem Anschreiben an William Pitt, den neuen Premierminister, übermittelter Brief Herzog Richelieus, des Eroberers Minorcas:

„ Wenn zwei Befehlshaber sich um einen Sieg streiten: so mus, unerachtet sie beide gleich tapfere Männer sind, dennoch einer von ihnen den Kürzern ziehen, und man kan nichts wider den Herrn Byng einwenden, als blos, daß er den Kürzern gezogen. Sein ganzes Betragen ist das Verhalten eines tüchtigen See Mannes gewesen, und es verdienet solches … Bewunderung … Ich bin versichert … daß, wenn die Engländer das Treffen halsstarrig fortgesetzet hätten, ihre ganze Flotte wäre zu Grunde gerichtet worden. “

Im Zuge dieses Sinneswandels kam es zu einem typischen Kompromiß:

Am Ende des Urteils und besonders in einem beigefügten Brief wurde Byng zur Begnadigung empfohlen. Dies verpflichtete freilich zu nichts und diente vor allem einer Beruhigung des Gewissens der Richter. So fand die Empfehlung denn auch keinerlei Beachtung bei der Überprüfung des Urteils durch den Staatsrat und die 12 Richter. Im Gegenteil verwiesen letztere sogar noch darauf, das Byng als Mitglied des Parlaments bei der seinerzeitigen

Verschärfung  des  § 12  mit  mandatorischer  Todesstrafe

„sich darin selbst sein Urtel gesprochen (hätte)“.

Indessen bewerkstelligten Byngs Freunde, allen voran der neue Premierminister William Pitt, eine Aufschiebung:

„ … daß man die Hinrichtung des Admirals so lange, bis man das Verhalten derjenigen, von welchen derselbe seine Verhaltungs Befehle erhalten habe, untersucht, aussetzen solle, indem vielleicht das Verhalten dieser letztern mit seiner Aufführung einen Zusammenhang habe. “

Dem verweigerte das Unterhaus zwar seine Zustimmung, doch erreichte Pitt zwei Tage später einen Aufschub durch den König selbst:

„ Der Commandeur, August Keppel, … welcher nicht allein ein Parlaments Glied des Unterhauses ist, sondern auch mit in dem Kriegsrathe … gesessen hat, verfügte sich … zu dem Staats Sekretär Pitt, und erklärte für sich und im Namen einiger andern Glieder des gedachten Kriegs Rathes,

daß  das  wieder  den  Admiral  Byng  ausgesprochene  Urtel

unbillig  sey ,

und daß eine besondere Ursache sie also zu sprechen bewogen hätte … und ein Geheimnis, welches, wenn sie zugäben,

daß  ein  unschuldiger  Mann  hingerichtet  würde ,

zu einem erschrecklichen Verbrechen werden dürfte, entdecken könten. “

Ziel dieser Vorsprache war die Aufhebung des Eides, nach dem die Richter weder über die einzelnen Voten noch die Gründe oder das Zustandekommen des Urteils sprechen durften, durch ein entsprechendes Gesetz, das überraschend mit großer Mehrheit vom Unterhaus auch gebilligt wurde.

In der daran anschließenden sehr heftigen Debatte im Oberhaus wurden schließlich die 13 Richter des Kriegsgerichtes durch vier Mitglieder des Oberhauses – je zwei Befürworter, darunter der erste Kommissar der Admiralität, und Gegner der Vorlage – , befragt, wobei sich zeigte, daß alles in allem fünf der Richter einschließlich des Präsidenten, Vizeadmiral Smith,

„ nicht völlig von der Gültigkeit des … Urtels überzeugt gewesen, sondern ausdrücklich behauptet, ‚daß sie große Ursache hätten, den Gefangenen der Gnade des Königs zu empfehlen, welche sie aber nicht eher offenbaren könten, bis sie des Eides der Verschwiegenheit entlassen wären.‘“

Nach dieser merkwürdig anmutenden, nichts wirklich greifbares ergebenden Befragung kassierte das Oberhaus mit großer Mehrheit die Vorlage des Unterhauses zur Befreiung der Richter von ihrem Eid und das Urteil wurde am 14. März an Bord der Monarch vollstreckt, nachdem Admiral Byng auch noch die Bitte abgeschlagen war, ohne verbundene Augen vor das Erschießungskommando treten zu dürfen:

„ Ich nähere mich demjenigen Augenblicke, der mich von den blutgierigen Verfolgungen meiner Feinde befreien wird, welchen letzteren ich ein längeres Leben nicht mißgönne, da es wegen des nagenden Gewissens … voller Unruhe seyn wird.

„ Ich bin überzeugt, daß man zu seiner Zeit meiner Ehre Gerechtigkeit wiederfahren lassen wird … Ich sehe es voraus, daß man mich für ein Opfer ansehen wird, welches um den Unwillen einer beleidigten und hintergangenen Völkerschaft von denjenigen, die ihn allein verdienet haben, abzuwenden, geschlachtet worden. “

Schon der anonyme Verfasser

hiesiger  brandfrischer  Veröffentlichung  noch  selbigen  Jahres

läßt bei aller betonter Neutralität letztlich keinen Zweifel an der politischen Motivation des ganzen Verfahrens:

„ … und es scheint, daß (das Oberhaus) sich bey dem Volke habe beliebt machen wollen, wiewohl andere auch dafür halten, daß der große Anhang, welchen der vorige Staats Sekretär, Herzog Thomas von Newcastle, im Oberhause habe, viel dazu beigetragen, und daß man durch Verwerfung der Bill das Vorhaben des neuen Staats Sekretärs, durch Rettung des Admirals die von den ehemals am Ruder sitzenden Staats Ministers begangenen Fehler und Nachlässigkeit aufzudecken, rückgängig gemacht. “

In dieser kritischen Haltung dürfte auch der Grund für die anonyme Veröffentlichung unter mit großer Wahrscheinlichkeit auch noch fingiertem Druckort liegen. Wie offenbar schon allein die Veröffentlichung von Byngs Verteidigungsschrift nicht ungefährlich war und ebenfalls anonym und fingiert erfolgte (s. o., Weller). Immerhin aber hatte einer der Lords der Admiralität seine Unterschrift zu dem Urteil verweigert und Konteradmiral West, der als Kommandeur der Vorhut bei dem Treffen die Hauptlast getragen hatte, lehnte ein Kommando mit der Begründung ab, er könne zwar für seine Loyalität und guten Absichten einstehen, nicht aber mit seinem Kopf für die Richtigkeit aller seiner Entscheidungen haften.

Byngs Hoffnung, daß spätere Zeiten das Unrecht anerkennen würden, ist aufgegangen. So schreibt Meyer’s Konversations-Lexikon 1888 (4. Aufl.):

„ Es hat sich später erwiesen, daß er auch bei größerer Energie Menorca nicht hätte retten können. “

Und Clowes urteilt:

„ Byng, both during his trial and after his sentence, behaved like a brave man … The tragedy, viewed from nearly every aspect, is to be most heartily regretted. Byng was neither traitor nor coward; but he was not an original genius, and, having seen Mathews punished for doing a certain thing, he believed that under no circumstances was it his duty to do anything even remotely of the same kind. His chief fault was that he was not independent enough, where a great object was to be gained, to shake himself loose from formulae and precedents, and to dash in when occasion allowed him. Yet, in one way, the sentence may have been productive of good. It may have taught the admirals who followed the unfortunate Byng, that they must pay more attention to victory than to red tape, and that not even the most honest devotion to conventional methods is so great a merit in a naval officer as success against the enemies of his country. “

Diese Sicht hat in jüngerer Zeit auch im Maritime Museum in Greenwich Eingang gefunden. Stellten die früheren Begleittexte auf den dortigen Internetseiten zu den erwähnten und weiteren Bildern das Urteil unverändert in keinster Weise in Frage, so würdigt namentlich die bereits oben angeführte ausführliche Beschreibung der Hinrichtung die Umstände angemessener:

„ Byng’s subsequent engagement with Richelieu was inconclusive, as many such events of the time were for various unexceptional reasons. However, he compounded initial failure by accepting the subsequent opinion of a council of war of his commanders, that nothing further could be attempted given the state of the fleet …

in  effect , he  was  made  a  scapegoat  for  government  failure

to send out a force adequate to the task, and under a more experienced fighting commander. “

Und der biographische Abriß zu Hudsons 1749er Portrait hier nunmehr wie die bereits oben in eindeutiger Schuldzuweisung an die Regierung des Herzogs von Newcastle zitierte Britannica endend mit

Voltaires  Passage  in  „Candide“ (1759) ,

der just in dem Moment in Portsmouth anlangt, als Byng erschossen wird und auf Nachfrage erfährt:

„ … hierzulande hält man es für richtig, von Zeit zu Zeit einen Admiral vom Leben zum Tode zu befördern, um die anderen anzufeuern. “

Candide war hiervon derart betroffen und abgestoßen, daß er England nicht betrat und umgehend nach Venedig weiterreiste. Derweil pour encourager les autres zum geflügelten Wort in England wurde.

Byngs Grabmal in Southill, Bedfordshire, schließlich trägt die Inschrift:

„ To the Perpetual Disgrace of Public Justice, the Hon. John Byng, Esq., Admiral of the Blue, fell

a  Martyr  to  Political  Persecution ,

March 14th, in the year MDCCLVII;

when  Bravery  and  Loyalty  were  insufficient  Securities

for  the  Life  and  Honour  of  a  Naval  Officer. “

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