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„ Sehr  seltenes  Hauptblatt “

„ Doch  mit  des  Geschickes  Mächten , ist  kein  ew’ger  Bund  zu  flechten …“

Pieter Nolpe, Durchbruch des Amsterdamer St. Anthonis Deichs 1651

und  die  Flut  sie  wütet  schnell

Nolpe, Pieter (1613/14 Amsterdam 1652/53). Het Door Breecken vande St. Anthonis Dyck buyten Amsterdam … op den 5. Martij 1651. Der bei Houtewael gebrochene citynahe heutige Zeeburg-Deich, durch den sich die Fluten ergießen. Beidseits auf der Krone des Hauptbruchs sturmgepeitschte Menschen, agierend rette sich wer kann. Ruhender Pol unter ihnen der berittene Deichgraf rechts außen. Linksseits zunächst das per Aushängeschild gekennzeichnete schornsteinrauchende kompakte Wirtshaus von Houtewael, umgeben von weiteren Menschen in ruhigerem Gestus. Diesem gegenüber ein gleichfalls stattliches Bauerngehöft unmittelbar am kleineren Zweitbruch (Diemerdijk?, siehe unten). Hoch aufragend im ganz nah gesehenen Mittelgrund vier Amsterdamer (Kirch-)Türme und der Mastenwall des Hafens. Radierung nach Willem Schellincks (um 1627 Amsterdam 1678). Bezeichnet: Gemackt en gedruckt bij Pieter Nolpe tot Amsterdam, en van W. Schellinckx getekent., ansonsten wie vor und nachfolgend. Blattgröße 40,7 x 51,4 cm.

Hollstein 208 + Dozy 152, jeweils II (von III); Nagler (1841) 38 („Sehr seltenes Hauptblatt. Bei Weigel [1838, Nr. 924:

„ Der  grosse  Dammbruch  in  Amsterdam  nach  W. Schellinckx …

Capitalblatt “]

[als ganz beachtlich mitgeteilt] 6 Thl.“); Andresen-Wessely 12; Wurzbach, Nolpe, 152 + Schellincks 4; Kat. de Ridder 741; Kat. Davidsohn 1668. – Vgl. auch Hans-Ulrich Beck, Jan van Goyen am Deichbruch von Houtewael 1651 in Oud Holland LXXXI (1966), SS. 20-33.

Vor der Adresse von de Wit (erloschen 1706). – Mit feinem Rändchen rundum. – Einige hinterlegte Klein(st)einrisse, ganz minimale Fehlstelle in der oberen Einfassungslinie. Der Oberrand zudem mit Resten alter schmaler Hinterklebung, die gänzlich geglättete Mittelfalte bildseits nur partiell minimal bemerkbar. Gesamthaft mit nicht unsympathischem leichten Anflug von Patina.

Kräftiger , kontrastreicher  Druck

dieses  seit  alters  seltenen  großen  dramatischen  Blattes

mit faktenreichem Untertext:

„ VERTONINGE ENDE NAE T’LEVEN AFGEBEELT, HET DOOR BREECKEN VANDE St. ANTHONIS DYCK BUYTEN AMSTERDAM, Veroorsaeckt door de hooge Water-vloet mit een stercken Noord westen wint, op den 5. Martij 1651 (In welcken het water 3 duijmen hoger is bevonden, als het was, Inde seer bekende alderheijligen Vloet Anno 1570). door Welck het waeter, met sulcken force en gewelt is Ingestort, dat het in corten tijt een diepte maeckte van 30 Voeten, mede nemende al het gene sijnnen loop mocht hindren, selfs de dijck Vande diemer meer door brekende die Daer door, sodanigh is ondergelopen dat het water (inde selve) wel 16 voeten hoge stondt, tot seer groote schade, van de Ingelanden, ende de omleggende. soo dat t’water over St. Anthonis Mart warmostraet en nieuwe dijck liep. “

(Bericht und Abbildung nach dem Leben des durchbrochenen St. Anthonis-Deichs außerhalb Amsterdams, verursacht durch die hohe Wasserflut bei starkem Nordwestwind, am 5. März 1651 (in welcher das Wasser drei Daumen höher befunden wurde als jenes in der sehr bekannten Allerheiligenflut des Jahres 1570), wodurch das Wasser mit solcher Kraft und Gewalt eingeströmt ist, daß es in kurzer Zeit eine Tiefe von 30 Fuß [knapp 10 m] ausmachte, alles mitnehmend, was seinen Lauf hindern mochte, selbst der Deich von Diemermeer (1 km entfernt gelegenes Dorf 5,16 m unter Meeresspiegel, dessen Boden erst 1629 durch Austrocknung gewonnen worden war) wurde durchbrochen, sodaß es überflutet wurde und das Wasser (in demselben) gut 16 Fuß (gut 5 m) hoch stand, zu sehr großem Schaden des engeren und umliegenden Landes, sodaß das Wasser über St. Anthonis (Markt?) – Warmoestraat (Parallelstraße zum Damrak, also beste Amsterdamer City) und Neuen Deich lief.)

Linksaußen dieses Textes denn noch Kennung für: A. t’Volck staende tussen de twee Bruecke(n) op den dijck (Das auf den zwei Bruchstücken stehende Volk [rechts außen]) / B. Een stuck wt den dijk gebroke(n) (Ein aus dem Deich gebrochenes [mächtiges] Stück [vor dem gegenüberliegenden Zweitbruch]) / C. Houte wael.

DIE  AUGENZEUGEN-WIEDERGABE  EINES  NATUREREIGNISSES

das die verschiedensten Künstler der Stadt faszinierte, wie es 180 Jahre später den Londoner Turner zum brennenden Parlamentsgebäude trieb. So setzte Nolpe nicht nur anstehenden Schellincks in Kupfer um, sondern in zwei großen Blättern auch Jacob Esselens’ (zusammen mit Jacob Colyn?, so Weigel 14335) Darstellung, von Weigel mit „Der durchbrochene und wiederhergestellte Damm von Houte Wael“ geführt und nur mit der Hälfte hiesigen Blattes gepreist. Deren Bezeichnung bei Nagler (37) + Wurzbach (153/54 nebst Orig.-Titel) ohne Andeutung eines „wiederhergestellt“. Dann gibt es von Jan Asselyn mehrere Öle der großen Überschwemmung, deren Schweriner Version von J. J. de Boissieu (1736-1810) gestochen wurde. Und Weigel 11483 listete eine radierte „Verklein. schöne Copie nach J. Asselyn und P. Nolpe“ seitens des in Bonn wirkenden Naturwissenschaftlers und Liebhaberkünstlers Eduard d’Alton (1772-1840) zu 1 Thlr. + 8 Groschen. Boissieu’s wie d’Alton’s Stich aber, wohlgemerkt, postum.

Und natürlich van Goyen’s zeichnerische 1651er Aufnahme Beck (1972) 243 samt dem vorbereitenden Skizzen-Kanon 847/167 bis 847/184 des Skizzenbuchs von 1650/51 (darunter mit /167 „Houtewael, Bauerngehöft am Diemerdijk“, s. o.), davon 243 aus nahezu gleicher Sicht wie Nolpe/Schellincks, aber nur mit der Zuider Kerk im Durchblick. Und mit dem ganz entscheidenden Unterschied, daß van Goyen erst den Zustand danach zeigt: eine ruhige Wasserwüste mit Schaulustigen an den Brüchen und in Booten. Die Dramatik des Augenblicks war nicht seine Sache.

Sodaß denn möglicherweise Nolpe’s

anstehende  graphische  zeitgenössische  Wiedergabe  diejenige  welche  überhaupt

ist. Erfüllt von triumphierender Natur und der Endlichkeit menschlichen Tuns. Und graphisch von alles untermalendem Hell + Dunkel.

Wie denn Thieme-Becker (1931) seine „großen, mit einem dichten System von Linien u. Punkten bedeckten reproduzierenden Stiche, z. T.

mit  starkem  Helldunkel  u.  von  malerischer  Haltung “

als charakteristische Eigengruppe hervorheben, Wurzbach (1906/11) ihn mit Blick auf „seine zwei großartigen Kavalkaden“ „als Kupferstecher … von hervorragender Bedeutung“ qualifizieren ließ und schon Nagler (1841) zu Protokoll gab, er habe „in Behandlung des Grabstichels und der Radirnadel grosse Sicherheit beurkundet“.

Daß schließlich für Rembrandts „großartigste Landschaft“ (Seidlitz 212, wie auch Bartsch etc.), die mit den drei Bäumen vor horizontaler Stadtsilhouette, an am St. Anthonisdeich oder am Haarlemer Deich empfangene Eindrücke gedacht wird, ist für anstehendes Blatt eine lokal gewiß reizvolle, doch nur marginale Zugabe. Ein Vergleich beider dramatischer Himmel indes, deren Wolken-Licht-Kontraste, drängt geradezu die Überlegung auf, Rembrandt’s 1643er Radierung dürfte bekannt gewesen sein und könnte diesbezüglich Pate gestanden haben. Solchermaßen denn aber ein zusätzlich ganz erstaunliches, ein in der Tat kapitales Blatt. Und schon vor mehr als 175 Jahren sehr selten.

Bei  einer  thematisch  ohnehin  schon  Seltenheit  von  Graden .

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